In unserem Interview-Bereich blicken wir hinter die Kulissen. Wir sprechen mit Autorinnen und Autoren über Ihre Schreibleidenschaft, darüber, wie Erzählungen und Romane entstehen, und verraten die Geschichte hinter den Geschichten.

 

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Im Gespräch mit Michael Erle (Oktober 2016)

Michael Erle

 

Im Eridanus Verlag ist gerade deine dystopischer Roman „Sturm über dem Rheintal“ erschienen. Erzähl uns doch einmal kurz, worum es im Kern der Geschichte geht.

Der “Sturm über dem Rheintal” stellt die Frage, wie eine extreme Klimakatastrophe das Leben in Deutschland verändert. Wie nutzen wir unsere Ressourcen, welche Technologien helfen uns, wie stellen wir uns auf die veränderte Welt ein, in der uns regelmäßig heftigste Stürme heimsuchen. Und wie gehen wir mit Menschen um, die diese Katastrophe aus ihrer Heimat vertreibt. Welche Rolle spielt Religion in solch einer Zukunft? Die Heldin des Romans, Etienne, ist ziemlich unbeeindruckt von Glaubenskonzepten. Sie spielt mit dem Gedanken, dass es eine höhere Gewalt gibt, aber mehr nicht. Ihre Widersacher haben Versatzstücke historischer Religionen zu einem gefährlichen Mix politischer Ideologie verbunden, und ihre Menschlichkeit darüber verloren. Schließlich behandelt die Geschichte noch eine sehr menschliche Frage, nämlich die nach der Zukunft der Jugend. Wie können junge Menschen selbstbestimmt ein Teil der Gesellschaft sein, lernen und arbeiten, ohne dass sie ausgebeutet werden oder verwahrlosen? Wie werden ihre Talente erkannt und gefördert, ohne sie zu gängeln, und welche Rolle spielen die Behörden und die Eltern dabei. Unsere Heldin ist eine Halbwaise an der Schwelle zum Erwachsensein, pragmatisch und proaktiv, aber sie kennt ihre Grenzen nicht, und sie hat niemanden, der sie ihr aufzeigen kann. Das wird ihr fast zum Verhängnis, und auf diesem Abenteuer begleitet sie der Roman.

Wie kamst du dazu, deine Geschichte in die Rheinregion, speziell Ehrenkirchen, zu verlegen?

Das Rheintal ist eine faszinierende Wegkreuzung in Europa; hier treffen Kulturen aufeinander, der Rhein war lange Zeit eine verbissen verteidigte Grenze. Gleichzeitig aber haben die Menschen hier eine Fusion der französischen und deutschen Kultur und Sprache, ganz zu schweigen der Küche, geschaffen, die zeigt, dass das Zusammenleben selbst unter sogenannten Erzfeinden fruchtbar und friedlich sein kann. Damit ist das Rheintal eine Metapher für die größte Herausforderung unserer Zeit, nämlich die Frage, wie wir in der globalisierten Welt Tür an Tür mit Menschen leben, die unsere Großväter erst nach einer wochenlangen Reise hätten treffen können. Das ist ein Schock für eine Gesellschaft, aber wer davor erschrickt, braucht nur auf den Streifen Land zwischen Ehrenkirchen und Colmar zu schauen. Es geht, es kann funktionieren. Diese Atmosphäre hat mich inspiriert, und aus diesem Gedanken heraus wurde der Roman geboren.

Themen wie Klimakatastrophen und ihre Auswirkungen begegnen uns ja heute immer wieder. Sieht so unsere Zukunft aus? Wie realistisch, glaubst du, ist deine Geschichte?

Leider nur zu wahrscheinlich, wenn auch nicht ganz so plakativ. Stabile Sturmsysteme wie auf dem Jupiter müssen wir auf der Erde nicht befürchten. Doch der Klimawandel ist kaum mehr zu verhindern, seine Folgen sind abzusehen. Wenn wir weiter untätig bleiben, werden wir eine zweite Völkerwanderung erleben, meine ich. Ehrenkirchen, das Rheintal, Deutschland und alle anderen Länder, die das Ziel einer Migrationswelle sind, werden sich die Fragen stellen müssen, wie sie mit den Entwicklungen umgehen, die der Roman vorhersagt. Ich habe Angst davor, dass es von Splittergruppen so hässliche Reaktionen geben wird, wie hier beschrieben. Ich habe aber Hoffnung, dass die Mehrheit der Deutschen und der Europäer pragmatisch und vernünftig damit umgeht. So wie die Heldin des Buches und die Menschen in ihrer Umgebung. Zuletzt ist noch die Frage nach der technologischen Entwicklung. Nanotechnologie, die digitale Transformation, erneuerbare Energien und Gentechnologie werden sich sehr wahrscheinlich rasant weiterentwickeln und eine große Rolle in unserem Leben spielen.

In "Sturm über den Rheintal" schilderst du den Einsatz zahlreicher Technologien, die heute umstritten sind: Gentechnik, Nanotechnologie, digitale Zensur. Bist du der Meinung, dass Vorbehalte vor solchen Neuerungen fehl am Platze sind?

Die Gesellschaft in dem Roman stand vor einer Krise, die ihr Überleben bedrohte. Sie hatte nur die Wahl, jedes Mittel zu nutzen um zu überleben, oder unterzugehen. Sie setzte aus Not auf diese neuen Technologien. Die negativen Folgen musste sie in Kauf nehmen - unsere Heldin etwa hat ihren Vater an eine dadurch verursachte Erkrankung verloren. Auf der anderen Seite ist die Katastrophe des Klimawandels genau durch eine solche neue Technologie, in diesem Fall den Verbrennungsmotor, entstanden. Diese Zweischneidigkeit fasziniert mich: Wie können wir erkennen, ob die Vorteile des Fortschritts das Risiko wert sind, dass er unvorhersehbare Folgen mit sich bringt. Dafür gibt es kein Patentrezept, und das macht die Frage zu einer zentral menschlichen Entscheidung.

Stell dir vor, deine Zukunftsvision würde wahr und du selbst würdest in dieser Zeit leben. Wie gut oder schlecht kämst du zurecht?

Ganz durchwachsen. Ich hasse unterirdische Wohnanlagen und würde verrückt werden, wenn ich tagelang nicht an die frische Luft kann, weil draußen ein Sturm wütet. Auf der anderen Seite fühle ich mich wohl in der digitalen Welt, und ich finde es faszinierend, neue Sprachen zu erforschen und Menschen kennen zu lernen, die einen anderen Hintergrund haben. Vermutlich würde ich mich also mehr schlecht als recht durchkämpfen.

Gib uns doch zum Schluss bitte einen kleinen Einblick in deine schriftstellerische Zukunft. Wirst du in diesem Genre bleiben? Woran arbeitest du gerade?

Zur Zeit fühle ich mich zu Science Fiction hingezogen, weil es mir scheint, dass wir in einer Welt der Entscheidungen und Umwälzungen leben. Darüber nachzudenken, welche Folgen unsere Taten haben könnten, ist wichtig, und ich liebe das Genre, weil es einen wichtigen Beitrag dazu leistet. Darauf beschränken möchte ich mich aber nicht, weil es mir um gute Geschichten geht und interessante Personen. Die lassen sich nicht so beschränken. Meine letzte abgeschlossene Kurzgeschichte war eine zeitgenössische Satire, aktuell schreibe ich an einer weiteren, die man als Urban Fantasy beschreiben könnte. Das nächste größere Projekt aber habe ich noch nicht entschieden, und es könnte gut sein, dass ich mich wieder zurück in die Zukunft schreibe.


Herzlichen Dank für das Interview!

Link zum Buch "Sturm über dem Rheintal" von Michael Erle.